«Herr, zu wem sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens.» Joh. 6,68



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Donnerstag der 1. Woche im Jahreskreis
Kommentar zum heutigen Evangelium
Hl. Bonaventura (1221-1274) Franziskaner, Kirchenlehrer
Leben des hl. Franziskus, Legenda Major 1,5−6 (entnommen: Franziskus-Quellen, 2009)

„Jesus streckte die Hand aus und berĂŒhrte ihn“

Als er nun eines Tages durch die Ebene ritt, die zu FĂŒĂŸen der Stadt Assisi liegt, kam ihm ein AussĂ€tziger entgegen, und diese unerwartete Begegnung jagte ihm nicht geringes Grausen ein. Da er sich jedoch auf seinen Vorsatz, ein vollkommenes Leben zu fĂŒhren, besann und bedachte, dass er zuerst sich selbst ĂŒberwinden mĂŒsse, wollte er denn ein Ritter Christi werden, sprang er vom Pferd und eilte ihm entgegen, um ihn zu kĂŒssen. Als der AussĂ€tzige seine Hand ausstreckte, als wolle er die Gabe in Empfang nehmen, gab Franziskus ihm Geld und zugleich einen Kuss. Unmittelbar danach bestieg er wieder sein Pferd, doch als er sich nach allen Seiten umsah, erblickte er keine Spur mehr von dem AussĂ€tzigen, obwohl die Ebene nach jeder Richtung offen vor ihm lag. Voll Staunen und Freude begann er mit Andacht das Lob des Herrn zu singen und nahm sich vor, von nun an stets zu Höherem emporzusteigen. [...]

Von dieser Zeit an zog er den Geist der Armut, demĂŒtige Gesinnung und herzliches Erbarmen an (vgl. Kol 3,12). FrĂŒher hatte ihn nicht bloß der Umgang mit AussĂ€tzigen, sondern schon deren Anblick aus der Ferne mit Grauen erfĂŒllt; um des gekreuzigten Christus willen aber, der nach des Propheten Wort wie ein AussĂ€tziger (vgl. Jes 53,4 (Vg.)) verachtet erschien, wollte er sich selbst vollstĂ€ndig verachten und erwies den AussĂ€tzigen voll Erbarmen Dienste der Demut und menschlicher Hilfsbereitschaft. HĂ€ufig suchte er sie nĂ€mlich in ihren HĂ€usern auf, schenkte ihnen reichlich Almosen und kĂŒsste aus tiefem Mitleid ihre HĂ€nde und ihr Gesicht. Auch fĂŒr die bettelnden Armen wollte er nicht bloß seine GĂŒter, sondern gewissermaßen sich selbst einsetzen; zuweilen zog er seine Kleider aus, trennte sie auf oder zerschnitt sie, um sie ihnen zu geben, wenn er gerade nichts anderes zur Hand hatte. [...]

Als er nun damals in frommer Andacht die Kirche des Apostels Petrus besuchte und die große Schar der Armen vor den KirchtĂŒren erblickte, gab er einem der Ärmsten von ihnen teils aus herzlichem MitgefĂŒhl, teils aus Liebe zur Armut seine Kleider und bekleidete sich mit dessen Ă€rmlichen Fetzen; so verweilte er in nie gekannter geistlicher Freude an jenem Tag inmitten der Armen, um die Ehre dieser Welt zu verachten und Stufe fĂŒr Stufe zur Vollkommenheit des Evangeliums emporzusteigen.



 
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